Jamyang Ling - Aktuell

Stand des Schulprojekts

Foto: Schulhaus

Es ist etwas Erstaunliches geschehen in Raru, Zanskar. Der Bau unserer Schule an dieser verlassenen Ecke der Welt ist eigentlich ein Wunder. Der Dank gebührt unseren zum Teil seit Jahren treuen Spendern, die das Projekt trotz der schwierigeren wirtschaftlichen Lage in Deutschland kontinuierlich unterstützen. Wie alle anderen Projekte hat auch Shambhala e.V. eine sinkende Spendenbereitschaft im Jahr 2002 gespürt. Umso mehr sind wir allen Menschen dankbar, die uns und somit auch der Schule geholfen haben und weiterhin helfen.
Insbesondere wegen des Umbaus des Hostels und den daraus resultierenden monatelang beengten und ungünstigen Verhältnissen, war es meist nicht einfach, einen gewissen Standard in den Lebensbedingungen der Kinder zu halten.

Wir Europäer, die nur fünf Tage in Raru bleiben, stellen schon bald fest, wie schnell wir die Hygiene auf ein Minimum reduzieren. Die Schulkinder waschen sich jedoch täglich im eiskalten Wasser im Freien, während ein beständiger Sandwind alles sofort wieder mit Staub bedeckt, der überall eindringt. Kein Kleidungsstück, auch nicht die beste Trekkinghose bleibt lange sauber. Der ständige Wechsel von Kälte und Wärme und der Wind verursacht Erkältungen und ist der Grund für die oft zu sehenden „Rotznasen”. Und das Getrenntsein von den Eltern tut ein Übriges. Und doch geben sich die Schulkinder viel Mühe sauber zu sein. Die älteren Mädchen und Jungen helfen den Kleinen beim Waschen - einmal in der Woche werden alle Kleider gewaschen, aber der Wind schert sich nicht drum, und bald ist alles wieder eingestaubt.

Am Anfang waren die Schlafräume im Internat mit den Lehmwänden und -fußböden recht dunkel und klein. Bis zum Beginn des Winters sollten aber nach Ankunft von 3 bestellten Fuhren Holz die neuen, warmen Fußböden eingebaut sein; die neue Solarinstallion funktioniert bestens und beschert den Räumen ein angenehm helles Licht. Aber was ist der Maßstab? An Deutschland können wir uns hier nicht orientieren. Das Leben in Zanskar ist hart, wie ein Blick in die Wohnhäuser im Lungnak- und im Zanskartal zeigt. Zum Schutz gegen die Kälte sind die Häuser wie Festungen gebaut, dicke Mauern, ein niedriger, dunkler Gang führt zum meist einzigen Wohnraum, der die gesamte Habe der Familie aufnimmt: Kochgeschirr und Lebensmittelvorräte, ein paar Truhen und Regale. Einzige Wärmequelle: Der Herd in der Mitte des Raumes. Man schläft auf dem Boden, alle unter einer Decke, und es gibt kein Leitungswasser im Haus. Von hier kommen die Schulkinder.

Mit dem Bau des Hostels ist es mit bescheidenen Mitteln gelungen, den Kindern ungeahnte Lebensräume zu bieten. Es gibt große Fenster, Betten, Matratzen, und sie sind unter sich. Seit diesem Jahr haben sie elektrisches Licht. Mit Sponsorengeldern wurde 2003 die neue Solaranlage auf dem Hostel installiert. Jetzt können die Kinder abends bei Licht essen und lesen, statt wie bisher im Kerzenschein. Auch dies ist ein Luxus verglichen mit daheim, wenn auch jedes Haus in Raru seit diesem Jahr durch ein schwaches Licht beleuchtet wird. Der Strom wird durch ein Mini-Wasserwerk gewonnen, doch funktioniert die Anlage (ein Projekt der indischen ökologischen Gesellschaft) nur im Sommer, da der Fluss im Winter einfriert. Die zweite Solaranlage wurde unter Anleitung von Jos van der Ackker in Auroville zusammengestellt und von ihm diesen Sommer installiert. Vielen Dank an ihn.

Das Essen im Hostel ist abwechslungsreich, auf jeden Fall wird versucht, Gemüse in größeren Mengen zu kochen. Wer die Hostelkinder spielen sieht, wird nicht unbedingt realisieren, dass es ein Privileg ist. Denn die anderen Kinder müssen, kaum zu Haus angekommen, auf die Felder gehen, Wasser holen am Bach, oder auf die Doksa, die Alm in den Bergen, oft Stunden lang entfernt, um mithelfen. Einige Kinder müssen in der Früh einen langen Marsch unternehmen, um zum Unterricht zu kommen. Währendessen spielen die Hostelkinder Kricket, oder neuerdings Fußball.
Unser Trekkingführer Jan, der seit dreißig Jahren in Indien lebt, findet: „Die Schule ist ein Paradies, verglichen mit dem was sie sonst haben.”

Dieses Jahr wurde der Ausbau des Hostels fertig gestellt und das Dach renoviert. Ein zweites Stockwerk kam dazu, so dass die Kinder viel mehr Platz haben. Die Toiletten sind soweit fertig und mit Strom die ganze Nacht beleuchtet. Die Lehrer verfügen endlich über eigene Duschen und Toiletten. Noch im Herbst sollen die Fußböden in allen Klassenzimmern fertig verlegt sein.

Foto: PC Crashkurs

Das Computer Zeitalter hat jetzt auch in Raru angefangen. Was wir nie für möglich gehalten hätten: Drei PC’s sind angeschafft worden, und einer funktioniert schon mit dem Strom der Solaranlage. Nächstes Jahr sollen alle drei in einem möglichst „wind- und staubdichten” Raum installiert werden. Einer für die Lehrer, einer für das Schulkomitee und einer für die Schüler.

Es ist auch Zeit finanzielle Bilanz zu ziehen. Die Einnahmen beziffern sich für 2002 auf 66.773,03 Euro, dazu kommt der Saldo 2001 von 36.623,89 €. Abgegangen sind nach Indien für das Schulprojekt: 70.037,29 €. Dazu kommen in Deutschland als Verwaltungskosten: 4.773,95 € (7,4% der Spenden), und die Kosten für Öffentlichkeitsarbeit: 16.013,75 €. Die nach wie vor größte Belastung bleibt die Porto Kasse für die Zusendung der Zeitung mit 5.200 €! Während die Vereinszeitung (mit englischer Ausgabe) 2.956,82 € kostet.

Die Prognose für den weiteren Betrieb von Jamyang Ling (s. Schulbericht) werden vom Komitee auf 66.280 € geschätzt. Wenn die Einnahmen gegenüber 2002 nicht geringer werden, ist das zu schaffen.. Auch die Bauarbeiten müssten 2003 endlich abgeschlossen sein, so dass etwa 14.000 € weniger gebraucht werden.

Das Projekt Jamyang Ling, initiiert und in der schwierigen Anfangszeit durch die alleinige Arbeit von Bernd Balaschus und Evelin Stierle aufgebaut und am Leben erhalten - und dafür sei ihnen an dieser Stelle von Herzen gedankt - ist wieder in eine entscheidende Phase getreten. Ende 2003 werden die ersten Schüler die 8. Klasse abschließen und nach Jammu gehen, um dort weiter zu studieren. Für diese acht Schüler wird Shambhala die Kosten noch übernehmen können. Geplant sind 8.000.- € für die Miete einer Wohnung in Jammu und alle weiteren anfallenden Kosten. Doch wir suchen bereits Spender, die bereit sind, ein Kind für die restliche Studienzeit zu unterstützen. Bleibt abzuwarten, wie diese Kinder, die nur Padum mit ca. 1500 Einwohnern als „große Stadt” kennen, auf Jammu reagieren werden. Eins ist sicher: Schwer werden sie es haben. Aber sie sind so voller Elan und Eifer, dass sie es sehr wohl schaffen können.

Um ihnen die Umstellung zu erleichtern, gab diesen Sommer eine Freundin aus München, die 2 Monate in der Schule präsent war, den Schülern der 7. und 8. Klasse Unterricht in englischer Konversation. Ihr Bericht über den Unterricht macht deutlich wie notwendig es ist, die Kinder zu mehr Selbständigkeit zu ermutigen. Es traf sich gut, dass sie gerade da war, als der PC angeschlossen wurde. So kam zu ihren vorgesehen Tätigkeiten die einer Computer-Lehrerin hinzu. Während dieser Zeit hat sie bei den Schülern und ihren Familien, bei den Lehrern und beim Schulkomitee recherchiert. Das Ergebnis soll eine umfangreiche Dokumentation werden, die gegen Gebühr nächstes Jahr zu beziehen ist. Auch hier ein großes Dankeschön für ihre Arbeit.

Auch 2003 war wieder eine Shambhalagruppe eine Woche lang in Raru zu Besuch. Neben der Möglichkeit, die Kinder, die Lehrer und das Dorfleben kennen zu lernen, konnte die Entstehung eines Sandmandalas miterlebt werden, das Mönche der Drepung Klosteruniversität aus Südindien auf Einladung von Shambhala e.V. in der Schule erstellten. Dieses zum zweiten Mal erstellte Avalokiteshvara Mandala bietet den Einwohnern des Lungnak-Tals die seltene Möglichkeit, einen Schatz ihrer Kultur zu bewundern. Das Mandala wird bis Anfang 2004 erhalten bleiben.

Auch für das Jahr 2004 haben wir einen mehrtätigen Aufenthalt in Reru im Rahmen eines „Zanskar Special” geplant. Wir werden am Leben der Dorfbevölkerung teilhaben und das Projekt Jamyang Ling durch Begegnungen mit Lehrern und Schülern kennen lernen. Wie im letzten Jahr werden wir Mönche aus Südindien einladen, mit den Mönchen des nahe gelegenen Klosters Mime eine Puja für eine Hauseinweihung vorbereiten und Einblicke in die Grundlagen der Thangkamalerei und der Mandalatechnik bekommen.

Der Dorfschnitzer der weder lesen noch schreiben kann, und dessen älteste Tochter, Zompa, im Herbst nach Jammu zum Studium gehen wird, sagte uns bei unserem Abschiedstee: „Früher in der öffentlichen Schule haben nur 3 bis 4 Leute lesen und schreiben gelernt. Heute in der Jamyang Ling School können es alle Kinder.” Und er strahlte.

Jacques Alliod

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